Ruhland | Erstfassung 10.11.2018 UPDATE 11.12.2019


Ärztemangel: Gemeindarzt gesucht!

Die Gemeinde Kopfing suchte seit 1894, nach dem Tod Simon Stichlbergers, 30 Jahre lang nach einem Gemeindearzt. Nach  Dr. Peter Bachinger wurde 1924 Dr. Rudolf Weissensteiner in Kopfing mit offenen Armen aufgenommen.

In Kopfing war es zwischen 1880 und 1924 kaum möglich, ausgeschriebene Gemeindearztstellen zu besetzen.


Die als Zubau zum Kirchenwirtshaus erbaute "Kaserne" (1896) bot zwei Jahre nach dem Tod Simon Stichlbergers im "Baderhäusl" Platz für die Ordination eines Gemeindearztes. Doch einen in Kopfing für längere Zeit sesshaften und im Gemeindeleben integrierten Gemeindearzt gab es nach Stichlberger während eines halben Jahrhunderts nur einmal zwischen 2007 und Jänner 1910.

1898 - Simon Stichlbergers goldene Hochzeit liegt 10 Jahre zurück, sein Begräbnis 4 Jahre - sucht die Gemeinde Kopfing noch immer vergeblich einen Gemeindearzt. Auch die Umstrukturierung der Sanitätsgemeinde (Sigharting kommt zu Andorf, Diersbach und Kopfing bilden eine Sanitätsgemeinde) und eine Erhöhung der Landessubvention auf 300 Gulden (Linzer Volksblatt, 7.8.1898) führen nicht zur Besetzung der Stelle eines Gemeindearztes in Kopfing . 

 

Es gibt zwar nur lückenhafte Aufzeichnungen - doch auch diese verdeutlichen  gut die Misere der ärztlichen Versorgung in der Gemeinde Kopfing nach der Jahrhundeertwende:

1904 ordinierte Dr. Leo Atynski für kurze Zeit als bestellter Gemeindearzt, nachdem er schon vorher "aushilfsweise" für einzelne Tage in Kopfing war. In diesem Jahr gab es in ganz Oberösterreich 396 Ärzte...

Der Engelhartszeller Gemeindearzt Dr. Hermann Pult ordinierte einen Tag die Woche in der Kaserne: Zwischen 1896 - 1903, einige Monate im Jahr 1907 und wieder von 1910 bis zu Beginn des 1. Weltkrieges beim Kirchenwirt.

Während der Kriegsjahre war es Dr. Pollin aus Andorf, der die ärztliche Versorgung notdürftig tageweise sicherte.

Nach dem Ende des 1. Weltkrieges zeigte sich kein anderes Bild; 1919 ritt Dr. Hans Recheis aus Engelhartszell wieder einen Tag die Woche auf seinem Rappen nach Kopfing und behandelte in der Kaserne die Kranken: 1.000 Kronen Jahresentgelt und 5 Kilo Hafer jede Woche für sein Ross erhielt er als Bezahlung, - mittellose Kopfinger musste er gratis behandeln. 

Erst mit Juli 1924 konnte in Kopfing mit Dr. Rudolf Weissensteiner ein Gemeindearzt bestellt werden, der über Jahrzehnte die gesundheitliche Versorgung sicherstellte. Der Dank der Gemeinde war schon nach 2 Jahren die Verleihung der Ehrenbürgerwürde.

 

Seit ihm ist Kopfing nicht mehr ohne Gemeindearzt geblieben: Dr. Franz Stockinger, Dr. Franz Berger und Dr. Bernhard Lautner ...


Ärztemangel auf dem Lande

Links: Bericht der "Tages-Post" (2. 7.1914) 

 

Ansätze zur Behebung des Ärztemangels:

1885 wurde die Wiedererrichtung der 1873/1875 aufgelassenen "Chirurgischen Lehranstalten" diskutiert.

In einer 50 Seiten umfassenden "Denkschrift" wurde zur Behebung des Ärztemangels schon 1894 die Errichtung einer "Medicinischen Hochschule" in Linz gefordert (120 Jahre später verwirklicht).

 

Die zur Veranschaulichung sind unten eingefügt Inserate des Landes OÖ bzw. der Gemeinde Kopfing ("Linzer Volksblatt" 1897, 1902 und 1914) zur Besetzung der offenen Gemeindearzt-Stellen. Interessant die Angaben zur Einwohnerzahl und zum Gehalt (samt Landessubvention) der Ärzte.

Ärztenot auf dem Lande

Links: Bericht der "Tages-Post" (31. 7.1914)

 

Von 1895 bis nach dem 1. Weltkrieg suchten die Gemeinde Kopfing bzw. das Land OÖ in vielen Inseraten - erfolglos bis auf die Bewerbung von Dr. Bachinger (1907) - einen Gemeindearzt. Auch die Zusammenlegung der Sanitätsgemeinden Kopfing und Diersbach (kurzzeitig auch mit Sigharting) und Gehaltserhöhungen brachten keinen Erfolg.

 


1909/1910

Ein tragischer Jahreswechsel 

1907 - 1910 war Dr. Peter Bachinger in Kopfing Nr. 28 bzw. 27 sesshaft und als Gemeindearzt tätig; er war bis zu seinem tragischen Tod gesellschaftlich gut integriert.

Am 23. 9. 1907 hatte der gebürtige Salzburger die Tochter des Obermüllers im Dobl, Maria Gimplinger, geheiratet - als Trauzeuge unterschrieb sein Freund Georg Gerstberger (Postexpediteur in Kopfing Nr. 6). 

Nach 1907 hatte Dr. Bachinger auch 1909 von der Gemeinde Kopfing einen Vertrag als Gemeindearzt erhalten: Monatlich 50 Kronen Gehalt und eine jährliche Pauschale von 100 Kronen für Medikamente zahlte die Gemeinde als Entlohnung. 

Foto: Fam. Kramer Kirchenwirt, Erarbeitung Personen: J. Klaffenböck

 

Postmeister Georg Gerstberger (s. Foto oben) übernahm  Ende November 1906 das Amt des Postexpedienten von Anton Razenberger, der kurz darauf  verstarb.

 

Gerstberger nahm sich am 24. 12. 1909 das Leben, nachdem finanzielle Unregelmäßigkeiten im Postamt aufgedeckt worden waren.

Am 27. Jänner 1910 folgte Dr. Peter Bachinger (34) seinem Freund  in den Tod.

 

In Statistiken und Kalendern schien sein Name noch Jahre als Gemeindearzt in Kopfing auf ...