Josef Ruhland | 22.1.2024

Quelle: Zeitgeschichtliche Studie, verfasst von Josef Grüblinger (1992). Gekürzte Zitierungen.


Der Nord-Süd - Weg der Aufklärungs-Abteilung 68 (Radfahr-Btl. 68) und zurück.

 1940 - 1945

 

Josef Grüblinger rückte im Juli 1939 als Student in Graz ein und wurde im November 1940 in das in Narvik gegründete Radfahrbataillon 68 eingegliedert. Er blieb bis zum Ende des Krieges einfacher Stabssoldat.

Nach Einsätzen an der Eismeer- und Lapplandfront wurde rund um den Jahreswechsel 1943/44 das Bataillon zur Partisanenbekämpfung nach Griechenland verlegt. Von dort erfolgte ab November 1944 der Rückzug über den Balkan Richtung Heimat - die jedoch nicht mehr erreicht wurde: Nach der Gefangennahme im Mai 1945 verbrachte Grüblinger bis Dezember 1948 noch 3 Jahre in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft. 


Josef Grüblinger: Einsatz an der Eismeerfront

Josef Grüblinger: Weihnachten 1940 in Narvik
Josef Grüblinger: Weihnachten 1940 in Narvik

"Ich, der erst im Sommer 1938 in Graz, schon 24 Jahre alt, Radfahren probierte, musste zur Übung möglichst oft die Strecke Narvik - Beisfjord (13 km) fahren. Und im Winter Schifahren, auf dem steilen Hand direkt neben unserer Unterkunft."

Die Umstellung von der 3. Gebirgsdivision zur teilmotorisierten Einheit des Radfahr-Bataillons wurde für Grüblinger zu einer Herausforderung.

 

Schon im Mai 1941 kam die Verlegung an die Eismeerfront östlich von Murmansk. Das Radfahrbataillon 68 war für Nachschub, Sicherung und Erkundung des "Nordraums" hinter der Frontlinie zuständig. Das Leben in der unwirtlichen Tundra war hart, die Verluste waren groß: Das Radfahr-Bataillon 68 schrumpfte von 208 auf 98 Mann.

"Fettgetränktes Papier als Fenster im Unterkunftsbunker. Der Ofen war eine Blechdose, der Rauchfang bestand aus ineinander gesteckten Konservendosen. Brennholz wurde Mangelware. Wasser war aufgetauter Schnee. Brot und Butter, weil gefroren, waren zum Wegwerfen. Schlimm war das dauernde Feuer der russischen Granatwerfer, sie reichten weiter als die unseren. Die Splitterwirkung der berstenden Granaten auf den Felsen war groß. Und die vom Eismeer kommenden Stürme bliesen uns ins Gesicht, die Russen hatten sie im Rücken..."

Grüblinger wurde am 2. Mai 1942 mit einem Granatsplitter im Oberschenkel verwundet ausgeflogen.


Der Nord-Süd - Weg vom Eismeer an den Golf von Korinth: 4.000 km von ganz oben nach ganz unten

Skizze Grüblinger (1992), bearb. JR
Skizze Grüblinger (1992), bearb. JR

Vor der Verlegung nach Griechenland war aus dem Radfahr-Bataillon die "Aufklärungs-Abteilung 68" geworden.

Am 20. Jänner 1944 traf das Bataillon in Athen ein und wurde sofort nach Xylokastron am Südufer des Golfs von Korinth verlegt. Von  dort aus wurden bis September 1944 Partisaneneinsätze durchgeführt.

Niemand im Bataillonsstab wusste, was vorher war und was sie erwarten würde. Es wusste auch niemand, dass nur 5 Wochen vor der Ankunft des Bataillons bei einem Partisaneneinsatz von Wehrmacht und SS am 13.12.1943 im benachbarten Bergdorf Kalavrita zu grauenhaften Massakern gekommen war: Mehrere hundert Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, wurden ermordet.

 

Auch Grüblinger berichtet, dass es während seines Einsatzes in Griechenland nach Aktivitäten der Partisanen immer wieder zu Vergeltungsmaßnahmen kam: "Die als Bandeneinsätze bezeichneten Vergeltungen waren ungeheuer schockierend und hart.

Oft ließen Kommandeure umstellte Dörfer anheizen. Züge wurden durch vor der Lokomotive angekoppelte offene Waggons mit Geiseln abgesichert. Verhöre von Verdächtigen waren oft mit Stockschlägen auf die Fußsohlen verbunden. Überführte Partisanen, meist Kommunisten, wurden auf dem Dorfplatz aufgehängt."

In einem 7-wöchigen Partisaneneinsatz im Sommer 1944 wurde der östliche Peloponnes durchkämmt: "Sieben Wochen Einsatz. Den halben Peloponnes durchschritten. Das Ergebnis? Ich habe nie etwas darüber gehört. Keine Verluste... Keine Kampfhandlungen... Gott sei Dank!" notiert Josef Grüblinger.

Am 1. 11.1944 begann der Rückzug aus Griechenland. Durch die Schluchten des Balkan sollte Österreich erreicht werden.


Ankunft im Süden: Anders als gedacht!

Auf der Akropolis (Ostern 1943)
Auf der Akropolis (Ostern 1943)

Die lange Reise von "ganz oben nach ganz unten" endete anders als gedacht: Grüblinger hatte nach der eisigen Kälte im Norden in Griechenland Wärme und Palmen erwartet. Doch in der Nacht hatte es geschneit und die Landschaft war weiß angezuckert.

 

"Bei der Ankunft in Athen deutete unser Abteilungsarzt auf einen kleinen Hügel und fragte, ob das die Akropolis wäre. Obwohl etwas unsicher, bejahte ich.

Grüblinger hatte sich das Klima in Griechenland anders vorgestellt, auch in der Unterkunft des Stabes war es unangenehm kalt: "Wir hatten keine Winterbekleidung und nichts zum Heizen. Der Wind pfiff durch die schadhaften, dünnen Wände und die undichten Fenster." 

Josef Grüblinger in Tropenuniform (Xylokastron, Sommer 1944)
Josef Grüblinger in Tropenuniform (Xylokastron, Sommer 1944)

Rechtzeitig vor der Hitze des Sommers wurde eine eigene Tropenuniform ausgegeben: Kurze Hose, leichtes Kragenhemd, Uniformbluse und Kappe - alles in grünbraunem Ton.

 

Als im Herbst 1944 der Rückzug begonnen hatte, wurde die Aufklärungs-Abteilung 68 für Sicherungsaufgaben eingesetzt.

Der weite, 1.600 km lange Weg (vermeintlich nach Hause) führte Grüblingers Einheit in die jugoslawische Gefangenschaft. Durch Nordmazedonien, den Kosovo, Montenegro und Bosnien-Herzegowina - immer wieder in Kämpfe mit Partisanen verwickelt - kamen seine Kameraden und er bis nach Slowenien. In Schwarzenbach, nur 3 km von der österreichischen Grenze entfernt, gerieten sie in Gefangenschaft.


Josef Grüblinger, selbst verfasster Lebenslauf (1990)
Josef Grüblinger, selbst verfasster Lebenslauf (1990)

Josef Grüblinger verstarb am 30. Sept. 2000 in Linz, wo er seit 1953 im Salesianum gelebt und gearbeitet hatte (Oberstufenrealgymnasium, Päd. Akademie). 

Ein Bericht über 1.306 Tage in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft folgt in den nächsten Monaten.